Und doch erkennt man viele Gemeinsamkeiten von der damaligen Zeit zur heutigen. Wie er sie anbetet, wie sie zusammen tanzen, wie sie zusammen am Fenster stehen, die Zweisamkeit geniessen. Der Flirt zwischen ihnen ist gewagt, aber beidseitig. Lotte weiss genau, dass sie eigentlich schon vergeben ist, sie dürfte gar nicht hier sein. Aber gegen die wahre Liebe kann man eben nichts unternehmen. Ausserdem glaube ich, dass es, gerade auch weil es verboten ist, zwischen den beiden so "gefunkt" hat. Bekanntlich sind die verbotenen Dinge ja doppelt interessant.
Das ist Liebe, wenn man über Regeln und Tugenden hinweg sieht und einfach das tut, wonach einem der Sinn steht. Vielleicht ganz wie Werther, jedoch das komplette Gegenteil der Weltansicht von Albert, den er ja zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht kennt. Es muss schrecklich für ihn gewesen sein, als er realisierte, dass er sie so oder so verlieren wird. Doch noch schrecklicher, als er erkannte, an wen er sie verlieren wird.
Mit jeder Zeile fühlt man mehr mit den beiden mit. Wie sie sich lieben. Es scheint alles zu stimmen. Und obwohl man weiss, dass diese Geschichte so oder so kein Gutes Ende haben wird, klammert man sich an dieses kleine Fünkchen Hoffnung, dass sie doch noch glücklich werden...
"Wie ich mich unter dem Gespräche in den schwarzen Augen weidete, wie die lebendigen Lippen und die frischen munteren Wangen meine ganze Seele anzogen, wie ich in den herrlichen Sinn ihrer Rede ganz versunken, oft gar die Worte nicht hörte, mit denen sie sich ausdrückte" - Werther"
Ein sehr cooler Gedankengang, wie Sie darlegen, worin das Zeitlose des Romans besteht. Telenovelas und Soaps tun heute nichts anderes, als solche Schmachtereien rund um die Liebe stundenlange jede Woche auszubreiten. Aber es gibt eben nur einen Werther, so wie es nur einen Othello oder nur eine Madame Bovary gibt. Wie wir uns winden oder drehen: diese texte sind vielleicht generell überschätzt respektive es gibt zig andere, die auch lesenswert sind, die man aber nicht kennt. Und dennoch sind es diese Klassiker oder diese klassischen tragischen Figuren, die sich unserem kulturellen Gedächtnis eingeprägt haben, die immer wieder genannt oder zitiert werden.
AntwortenLöschenÜbrigens: Sind Sie sicher, dass – wenn man dank der NSA bald alle Liebesdialoge in Chatrooms und anderen Social media-Kanälen lesen könnte – dass dann nicht ähnliche Schmachtereien ans Licht kämen? Ehrlich gesagt: ich denke, das ist etwas, das zeitunabhängig existiert. Beweisen kann ich es nicht.
Und noch etwas: Wenn man sich die indische Bollywood-Filme ansieht, ist Werther im Vergleich dazu harter philosophischer Realismus :D Dazu müssen Sie sich nur mal die Plots und den Inhalt der Gesänge reinziehen...